Auge um Auge: Nationale Handelskriege bremsen Weltkonjunktur

Angeblich bedrohen die deutsche Autoindustrie und billige chinesische Konsumgüter die nationale Sicherheit der USA. Strafzölle sind eine gefährliche Antwort der Trump-Regierung, die zu einer Bedrohung der Weltwirtschaft führen können. Chinas Wirtschaftswachstum sank im letzten Quartal 2018 bereits auf ein historisch niedriges Niveau von 6,4 Prozent. Der Internationale Währungsfonds reduzierte daraufhin seine Prognosen zur Weltkonjunktur 2019 auf 3,5 Prozent. Die Unternehmen vieler Länder zittern, seit „America First“ den Protektionismus auf die Spitze treibt und andere Nationen mit Gegenmaßnahmen reagieren. Die Handelskriege bleiben nicht ohne Folgen auch für die deutsche Wirtschaft.

2019-08-08
Welke Consulting Gruppe
  • Lea HeuchtkötterLea HeuchtkötterLeitung Strategisches MarketingWelke Consulting Gruppe

Bis vor wenigen Jahren gab es grünes Licht für den freien und grenzüberschreitenden Handel. Er galt als Treiber der weltweiten Konjunktur. Und anders als in früheren Jahren stieg auch die Wertschöpfung in den armen Ländern. Denn mit deren politischer Öffnung differenzierte sich die globale Arbeitsteilung immer weiter. Zunächst verlagerte sich arbeitsintensive Produktion aus den Industrienationen in ärmere Volkswirtschaften aufgrund ihrer geringeren Lohnkosten. So transferierten die westlichen Textilmarken in den vergangenen 50 Jahren ihre Produktionsanlagen langsam gen Osten. Heute fertigen sie in Asien; mittlerweile neben China vor allem auch in Bangladesch und Kambodscha. Ähnliche Wege gingen Elektrogeräte, Computer, Haushaltswaren und Spielgeräte, die heute in aufstrebenden asiatischen Staaten und eben auch China gefertigt werden. Die Verlagerung arbeitsintensiver Produktion führte in den Schwellenländern zu steigenden Im- und Exporten von Vorleistungen und Zwischenprodukten, das Welthandelsvolumen stieg. Und damit stiegen auch Bruttosozialprodukt, Einkommen und die Nachfrage nach Konsumgütern in diesen Regionen. Chinas schnell wachsende Mittelschicht und steigende Löhne sind die Folgen. Und weil die Arbeitskosten weiter stiegen, erhöhte sich auch die Nachfrage nach hochwertigen Gebrauchs- und Produktionsgütern wie Fahrzeuge, Maschinen und Technologien zur Automatisierung. In dem Maße, wie sich das Wohlstandsboot der reichen Industrienationen hob, konnten durch die internationale Arbeitsteilung auch ärmere Nationen ihren Wohlstand mehren.

Doch seit Beginn der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump scheint sich das Blatt zu wenden. Dieser schimpfte schon im Wahlkampf gegen unfaire Handelsbedingungen, die die World Trade Organization (WTO) angeblich zu Lasten der USA durchgehen ließ. Prompt legte er nach seiner Inauguration los und ließ Strafzölle prüfen. Nach Angaben der United States International Trade Commission wurden 137 Antidumping- und Antisubventionsuntersuchungen gegen insgesamt 34 Länder eingeleitet. In 104 Fällen verhängten die USA bereits handelspolitische Beschränkungen wie Strafzölle oder Einfuhrbeschränkungen. Im Fokus der Untersuchungen steht China, gegen das alleine 46 Verfahren eingeleitet wurden. Zunächst wurden Anfang 2018 Stahl (+25 Prozent) und Aluminium (+10 Prozent) mit zusätzlichen Importabgaben belastet. Es folgten Strafzölle auf Flugzeugteile, Solarzellen, Batterien und Elektrogeräte im Wert von 34 Milliarden US-Dollar. Mittlerweile bestehen für die Einfuhr chinesischer Produkte in die USA Strafzölle für Waren im Wert von 250 Milliarden Dollar.

Natürlich reagierte China und verhängte neue Zölle gegen amerikanische Agrarprodukte. Mittlerweile bestehen chinesische Zölle im Wert von 110 Milliarden US-Dollar, wobei die USA nur Waren im Wert von insgesamt 130 Milliarden Dollar nach China einführen. Das Ende der Fahnenstange ist also absehbar, wie eine vorläufige Bilanz des britischen Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics Ende 2018 zeigt. Demnach leide China mehr als die USA. Zudem wirken sich die amerikanischen Strafzölle neben China auch auf andere Volkswirtschaften in Asien aus. Weil Chinas Exporte in die USA je nach Warengruppe zwischen 45 und 70 Prozent schrumpfe, sind nun die Zulieferbetriebe in Japan, Korea, Taiwan und Thailand betroffen. Denn sie liefern wichtige Vorprodukte, für die sie so schnell keine neuen Abnehmer finden. Diese Folgeeffekte für integrierte und transnationale Lieferketten wird auch Deutschland zu spüren bekommen.

Denn vor allem die Eurozone und besonders die Exportnation Deutschland profitierten vom internationalen Handel. 2018 exportierte Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von 1,3 Billionen Euro, davon 42 Prozent innerhalb der EU. Immerhin lieferte die Republik auch für über 93 Milliarden Euro Waren nach China. Vor allem mit Kraftwagen und Kraftwagenteilen, Maschinen, Datenverarbeitungsgeräten, elektrischen und optischen Erzeugnissen sowie elektrischen Ausrüstungen erzielten deutsche Mittelständler gutes Geld. Noch höher waren die Exporte in die USA. Im Wert von über 113 Milliarden Euro lieferten deutsche Unternehmen vor allem Maschinen, Fahrzeuge und pharmazeutische Produkte in die USA. Zusammen betragen die deutschen Exporte nach China und in die USA zwei Drittel aller Warenausfuhren in Drittländer. Sollte das handelspolitische Säbelrasseln zwischen Peking und Washington zu einem handfesten Handelskrieg führen, sehen einige Experten schwarz.

 

Genauer gesagt sieht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mit seinem Schwarzen-Schwan-Szenario eine unkontrollierbare Eskalation als eine mögliche Option. Diese haben sie neben weniger dramatischen Szenarien in einem aufwendigen Verfahren durchgerechnet. In ihrem Worst-Case-Szenario dürfte die globale Wirtschaftsleistung um fast drei Prozent schrumpfen. Etwas stärker fiele der Effekt auf Deutschland mit 3,8 Prozent aus. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA könnte sogar um 4,1 Prozent zurückgehen. Betroffen wären neben den Herstellern auch die Zulieferer, wie das Beispiel der Automobilproduktion demonstriert. Wenn deutsche Fahrzeuge die Produktionsbänder in China, den USA oder an europäischen Standorten verlassen, liegt der Wertschöpfungsanteil durch die Zulieferer im Durchschnitt bei 75 Prozent. Mit über 3.000 Standorten weltweit ist die Zulieferindustrie so stark internationalisiert wie die Automobilhersteller selbst. Die Mehrzahl der Teile, die die Fahrzeughersteller in ihren Werken einbauen, stammt aus dem Ausland.

VW-Vorstand Herbert Diess sieht durch die angedrohten Strafzölle für Autos deutscher Hersteller von 25 Prozent Zusatzkosten von fast 2,6 Milliarden Euro, die mit dem Verlust von Arbeitsplätzen einhergehen. Analysten der Investmentberatung Evercore ISI kalkulieren mit zusätzlichen Kosten in Höhe von zwei Milliarden Euro für Daimler und 1,7 Milliarden Euro für BMW. Mit 2,549 Milliarden Euro wären die Belastungen für Volkswagen am höchsten unter den drei deutschen Autokonzernen. Neben diesen unmittelbaren Kosten führt die gegenwärtige Drohkulisse der USA und China aber schon jetzt zu Unsicherheit. Der neue Chef des Instituts für Weltwirtschaft  (IfW) in Kiel, Gabriel Felbermayr, sieht bereits Eintrübungen für die Weltwirtschaft. In einem Handelsblatt-Interview sagte er im Januar:

„Der Welthandel, der vor drei Quartalen noch inflationsbereinigt um sechs Prozent zulegte, ist zuletzt nur noch um gut vier Prozent gewachsen. Die Unsicherheit wächst. Investoren und Manager fragen sich, ob Geschäftsmodelle, die man über Jahrzehnte kultiviert hat, noch nachhaltig funktionieren, ob die globalen Wertschöpfungsketten noch intakt sind. Das führt zu Investitionszurückhaltung. Es ist schon einiges passiert im Handelskonflikt, aber bislang vor allem zwischen USA und China. Was aber, wenn der transatlantische Streit auch noch eskaliert? Oder wenn das ganze multilaterale System seine Glaubwürdigkeit verliert?“ Der Ökonom rät zu weiteren Verhandlungen zwischen den USA und der EU. Er sei davon überzeugt, dass ein transatlantisches Handelsabkommen wertvoll für beide Seiten sei.

Fazit: Freihandelsabkommen einzige Alternative

Um den Freihandel noch stärker zu machen, verhandelten die führenden Handelsnationen bis vor Kurzem über weitergehende Freihandelsabkommen. TTIP (EU und USA), CETA (EU und Kanada), NAFTA (USA, Mexiko, Kanada) und JEFTA (EU und Japan) waren und sind darauf ausgelegt, durch Angleichung von Normen, Industrie-, Umwelt- und Verbraucherstandards sowie Deregulierung der Finanzsektoren die Rechts- und Investitionssicherheit weiter zu stärken. Während CETA und JEFTA ratifiziert wurden, sind die Verhandlungen von TTIP ausgesetzt. Das NAFTA ist zwar beschlossen, steht vermutlich aber unter Vorbehalten des US-Präsidenten. Ein sich zuspitzender Handelskrieg könnte also diese gute Entwicklung des regelbasierten Welthandels vorläufig aufhalten. Aber selbst bei allen Verletzungen der WTO-Regeln durch China, aber auch die USA und die EU, gab es in der Moderne kein besseres System. Seit 1947 brachten freie Märkte allen Beteiligten überwiegend Vorteile. Der Rückfall in alte Handelskonflikte, die alttestamentarische Mentalität Auge um Auge“, bringt kurz- und mittelfristig nur Schaden für alle. Wobei China und die USA nur zwei von über 180 Nationen der Welt sind. Es sollte also Alternativen für den deutschen Mittelstand geben. Neue Absatzmärkte zu evaluieren und zu erschließen ist ohnehin mittlerweile eine Disziplin, die die Deutschen mit ihrem guten Ruf in der Welt ganz gut beherrschen.

Im 18. und 19. Jahrhundert erkannten Nationalökonomen wie Adam Smith und später David Ricardo im Freihandel zwischen den Völkern Chancen für allseitige Wohlfahrtsgewinne. Für Ricardo profitierten Volkswirtschaften von komparativen Kostenvorteilen, wenn jedes Land die Güter herstellte, die es am besten und günstigsten produzieren konnte. Im freien Handel sollten sich die besten Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen durchsetzen und dadurch alle profitieren. Gerade Großbritannien und die USA traten im 19. und 20. Jahrhundert für Freihandel ein. In den sogenannten Opiumkriegen gegen China setzten die Engländer ihre Interessen auch mit militärischen Mitteln durch. Bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts blühte der Welthandel auf, fand aber ein jähes Ende, als der Schwarze Freitag 1929 die Weltwirtschaft ins Chaos stürzte. In der Folge schotteten sich die führenden Wirtschaftsnationen erst ökonomisch ab, um sich dann im Zweiten Weltkrieg gegenseitig in Schutt und Asche zu legen. Mit dem General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) 1947 ging es dann mit dem freien Welthandel stetig bergauf. Die völkerrechtlichen Verträge auf Basis des GATT führten 1995 zur Gründung der Welthandelsorganisation (WTO), der heute 164 Staaten angehören. Schritt für Schritt bauten die Mitglieder der WTO Zölle und Handelshemmnisse ab. Drei Prinzipien sorgen seither dafür, dass Benachteiligungen der Volkswirtschaften weitgehend unterbunden werden sollen.

Mit dem Meistbegünstigungsprinzip müssen Handelsbedingungen, die eine Nation einem Staat gegenüber gewährt, auch für alle anderen gelten. Das Prinzip der Inländerbehandlung stellt in- und ausländische Anbieter gleich. Das Kontingentverbot schließlich besagt, dass mengenmäßige Beschränkungen bei Im- und Exporten nicht gestattet sind. Soweit die völkerrechtlichen Grundlagen, gegen die in der Praxis von China, aber auch den USA und der EU, oft verstoßen wurden. Aber bisher waren sich Ökonomen und Regierungen einig, dass der freie Handel eher ausgebaut als eingeschränkt werden sollte. Denn auch wenn Ökonomen die Wohlstandsgewinne durch den Freihandel unterschiedlich hoch beziffern, so scheint er sich zumindest aus amerikanischer und europäischer Sicht zu lohnen. So berechnete die Bertelsmann-Stiftung 2018 den absoluten Einkommenszuwachs durch die Globalisierung seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1990 für zahlreiche Länder. Demnach beträgt das durchschnittliche jährliche Plus je US-Bürger rund 445 Euro im Jahr. Für Deutschland sind es seither sogar 1.151 Euro. Beim Schlusslicht Indien stieg es nur um durchschnittlich 20 Euro pro Jahr. Auch China (80 Euro pro Jahr) und Mexiko (120 Euro pro Jahr) verzeichnen nur unterdurchschnittliche absolute Zuwächse.

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