Das Weihnachtsständchen

Familienidylle oder qualvolles Zwangsereignis?

„Spiel dem Opa doch noch was auf der Blockflöte vor.“ Dieser Satz löst seit jeher in vielen von uns bis heute Unwohlsein aus und lässt uns in nahezu katatonischen Zustand verfallen.

Gut – wir haben es hinter uns, doch lehrten uns nicht Menschen wie Günter Grass, dass wir uns gegen die Unterdrückung zu wehren versuchen sollten? Helfen wir der jüngeren Generation in einer Zukunft, ohne peinliche und von Scham erfüllten Vorstellungen an Weihnachten, aufzuwachsen.

Ich gebe zu, der Vergleich von Weihnachtsständchen und dem Vorreiter für Widerstand und Freisprengung der eigenen Individualität, ist sehr dick aufgetragen. Aber sind wir mal ehrlich, jeder fand sich schon mal in seiner Kindheit in einer Situation wieder, in der er lieber das ganze Brimborium rund um den Weihnachtsabend beiseitelegen und stattdessen wild über die Geschenke herfallen wollte.

Man stelle sich den kleinen Lukas einmal vor: 6 Jahre alt, blonde lockige Haare. Unter dem klassisch geschmückten Weihnachtsbaum aus roten und goldenen Kugeln erblickt er durch das schmale Schlüsselloch unverwechselbar ein in nahezu trauriger Versuchung mit Geschenkpapier, umhülltes – man möge nicht auf den ersten Blick erkennen, dass es ein Fahrrad ist – genau, ein Fahrrad. Die Glocke bimmelt, das Herz schlägt höher. Gleich ist es soweit, nur noch weniger Augenblicke trennen Lukas und sein Fahrrad. Gleich würde er durch den Flur, über die von dem gelben Licht der Straßenlaternen erleuchteten Straßen die ersten Runden und den Fahrtwind genießen. Die Tür geht auf… „Lukas, spiel` doch bitte dem Opa noch ein Liedchen auf der Blockflöte vor, das hast du doch gestern so toll gemacht.“ Dieses Ding, eine Erfindung direkt aus der Hölle. Als wäre es Zufall, steht neben dem Weihnachtsbaum schon alles bereit: Noten, Blockflöte, Notenständer. Als wäre das nicht genug, zu seiner Linken das Fahrrad! Provokant, aber nun gut. Er setzt zum ersten Ton an. „Denen zeig ich‘s.“, denkt er. Der erste Ton sitzt, der zweite und dritte folgt in meisterlicher Manier. Während er kerzengerade, das gute Hemd unbeholfen aus der linken Seite der Hose herausragend, vor versammelter Mannschaft sein Ständchen darlegt, kreisen seine Gedanken nur um eins – Rache. Jetzt, sein Moment. Gekonnt spielt er um die richtigen Töne herum und man kann das Entsetzen den Gesichtern ansehen. Die Mutter versucht zwanghaft das Gesicht nicht zu verziehen, doch ihre mitleidigen Blicke sind nicht zu übersehen. Der Vater verdutzt, um das plötzliche Verzerren der Töne. Bruder und Schwester mit hämischen Blicken. Nur den Großeltern ist bis dato nichts anzusehen, vermutlich auch dem Umstand geschuldet, dass Sie die Hörgeräte seit enormer Zeit nicht mehr haben warten lassen. Egal, noch eine Zeile, jetzt noch das große Finale. Mit aller Kraft wird nun in die Blockflöte geblasen, sodass es ihm sichtlich rot um den Hals wird. Kaum haben die ersten Schiefen und abartig lauten Töne das Musikgerät verlassen, zucken auch schon sämtliche Beteiligten im Raum zusammen.

Er hat es geschafft. „Die werden nie wieder kurz vor der Bescherung nach einer Kostprobe meiner musikalischen Talente fragen“, denkt er sich, vor innerlicher Freude tief ergriffen. Ohne die Geschichte vorzeitig zu Ende bringen zu wollen, aber sie taten es doch und das Jahr für Jahr für Jahr. Verhaltenes Geklatsche aus den hinteren Reihen erreicht den kleinen Jungen zusammen mit Sätzen, wie: „Oh wie schön das war.“, oder „Ein so süßer Junge.“

Ob Blockflöte, Geige oder Klavier. Fakt ist, Kinder sollten von sich aus ihr musikalisches Können präsentieren wollen. Für alle Beteiligten könnte sich so ein weitaus entspanntes Weihnachtsfest ergeben.


Aber abgesehen von jeder Ironie dieser kleinen (und wahren) Anekdote aus dem Leben eines kleinen Jungen an Weihnachten: Es sind genau diese Geschichten, die uns im nächsten und auch in 10 Jahren noch gemeinsam lachend vor der Weihnachtsgans sitzen lassen. Also erfreuen wir uns, an allem, was der Weihnachtsabend uns bringen mag, denn es sind die kleinen Dinge, die uns erfreuen, wenn alles Andere verblasst.

2017-12-01
Welke Consulting Gruppe
  • Philipp Keusgen Philipp Keusgen Praktikant Marketing Welke Consulting Gruppe
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