Die Erneuerung ganzer IT-Landschaften

Fragen an Bernd Leukert, Vorsitzender des Lenkungskreises der Plattform Industrie 4.0 und Vorstandsmitglied der SAP SE.

Interview

In den Medien trifft man häufig auf die Aussage, dass deutsche Unternehmen, insbesondere aus dem Mittelstand, bei der Digitalisierung hinterherhinken. Ist das so und was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sind aufgrund ihrer Größe und der damit verbundenen Flexibilität eigentlich in der idealen Position, die Ideen von Industrie 4.0 umzusetzen. Dennoch gehen meist große Unternehmen bei deren Entwicklung, Einführung und Nutzung vorweg. Die Mehrzahl der Mittelständler hat das Thema zwar verstanden, es fällt ihnen aber nach wie vor schwer, es auf die eigene Situation zu übertragen. Dabei bieten horizontal integrierte Wertschöpfungsketten über Unternehmensgrenzen hinweg auch für KMU die Chance, am digitalen Wandel teilzuhaben. Für sie muss der Weg zur Digitalisierung und wertschöpfenden Nutzung von Industrie 4.0-Szenarien schrittweise möglich sein. Kurzfristig geht es darum, Sensordaten und -informationen verfügbar zu machen und zu interpretieren. Langfristig steht aber die Erneuerung ganzer IT-Landschaften auf der Agenda. Ohne Frage ist Investitionsschutz für den Mittelstand sehr wichtig. Hier braucht es Lösungen zur Nachrüstung von Maschinen („Retrofitting“). Fragen zu Standardisierung, Sicherheit und Rechtsnormen beantworten industrieübergreifende offene Standards, Normen und Referenzarchitekturen für Systeme, die Vernetzung in der Wertschöpfung ermöglichen. Gute Beispiele hierfür sind das Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0 der deutschen Plattform Industrie 4.0 oder die Industrial Internet Reference Architecture des Industrial Internet Consortiums. Hiervon profitieren auch KMU: Beide Initiativen setzen auf frühe, beispielhafte Implementierungen in Experimentierplattformen, um Ideen zu erproben und breit zugänglich zu machen.

Vor kurzem hat SAP das gesamte Portfolio für das Internet of Things (IoT) unter SAP Leonardo zusammengefasst. Gleichzeitig haben wir ein neues weltweites Schnellstartprogramm vorgestellt, mit dem Unternehmen IoT-Anwendungsfälle schneller identifizieren können. Geschäftsbereichs- und Branchenexperten von SAP stehen ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite. Ein Schwerpunkt dieses Programms liegt auf dem Mittelstand.

Auch die Plattform Industrie 4.0, deren Lenkungsausschuss ich momentan vorsitze, konzentriert sich stark auf den Mittelstand. Seit Anfang 2016 ist sie gemeinsam mit den regionalen Industrie- und Handelskammern in ganz Deutschland unterwegs. Ihr Ziel: kleinen und mittelständischen Unternehmen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Industrie 4.0 @ Mittelstand“ das Thema Industrie 4.0 näherzubringen. Die Veranstaltungen sollen die Chancen der vierten industriellen Revolution für den Mittelstand zeigen und bieten eine Möglichkeit, um sich mit Expertinnen und Experten auszutauschen.

Um kleine und mittlere Unternehmen zusätzlich zu unterstützen, haben Unternehmen wie die Deutsche Telekom, Siemens und SAP zusammen mit den Verbänden Bitkom, VDMA und ZVEI das Labs Network Industrie 4.0 gegründet und vernetzen damit Industrie-4.0-Testumgebungen in Deutschland. Ziel der Gründungsakteure ist es, die Implementierung von Industrie 4.0-Technologien für den deutschen Mittelstand zu intensivieren und die dazu notwendige Struktur der Praxistests durch einen Trägerverein zu initiieren. Das Labs Network Industrie 4.0 berät als Erstanlaufstelle den deutschen Mittelstand bei Fragen zur Entwicklung von Industrie-4.0-Lösungen und fördert den internationalen Austausch. Hierzu gibt es ein Netzwerk an Testinstallationen, in dem Unternehmen für eine Vielzahl von Problemstellungen Lösungsansätze entwickeln können. Dies ist ein weiterer Schritt, um die Vorreiterrolle Deutschlands beim Thema Industrie 4.0 zu sichern.

Das Netzwerk ist firmenneutral und ergänzt die Plattform Industrie 4.0 um ein wichtiges anwendungsbezogenes Element. Ein Ziel ist es hierbei auch, Gemeinsamkeiten von Praxisprojekten in die Normung und Standardisierung einfließen zu lassen.

Darüber hinaus gibt es heute zahlreiche kleine und mittelständische Maschinen- und Anlagenbauer, die für Industrie 4.0 bereits neue Komponenten entwickeln. Sie suchen nach realitätsnahen, komplexen und vernetzten Testumgebungen, um ihre Neuentwicklungen möglichst praxisnah zu erproben und ihre Ideen anwendungsreif zu machen. Genauso benötigen die Anwender passende Möglichkeiten, um innovative Systemansätze und vernetzte Geschäftsmodelle ohne größere Eintrittsbarrieren zu testen und bis zur Marktreife weiterentwickeln zu können.

Es heißt, Daten seien der Rohstoff der Zukunft. Um Big Data zu speichern, zu strukturieren und zu nutzen, werden sehr große IT-Kapazitäten benötigt. Bei vielen Mittelständlern bestehen jedoch Vorbehalte gegenüber Cloud-Lösungen. Halten Sie diese für gerechtfertigt?

In meinen Gesprächen mit Entscheidern werden Sicherheit und Vertrauen immer unter den Top 3 genannt, wenn es um Software geht. Die meisten deutschen Kunden legen Wert darauf, dass ihre Daten auch in Deutschland bleiben. SAP kann das garantieren. Als global agierendes  Unternehmen mit deutschen Wurzeln respektieren und übererfüllen wir die deutsche und die europäische Datenschutzgrundverordnung.

SAP garantiert ihren Kunden vertraglich, Daten nicht anderweitig zu nutzen oder gar zu monetarisieren. Und die europäische Datenschutzgrundverordnung legt den rechtlichen Rahmen, dass auch andere Konzerne in Zukunft so verfahren werden. Wir haben uns immer zu diesen ethischen Grundsätzen bekannt.

Ich bin überzeugt, dass Cloud-Lösungen für Innovationen ein maßgeblicher Faktor sind. In diesem Zusammenhang spielen Cloud-Plattformen eine wichtige Rolle. Keine Branche kann sich dem entziehen. Die Produktion steht den Herausforderungen Industrie 4.0, Internet der Dinge oder Losgröße 1 gegenüber. Die Unternehmenssteuerung hat mit vorausschauender Analyse viel exaktere und intelligentere Entscheidungsgrundlagen. Nur wenn sich Unternehmen der rasanten Digitalisierung öffnen und aktuelle (Cloud-)Technologien nutzen, bleiben sie am Ball oder verschaffen sich sogar einen Wettbewerbsvorteil. Alle anderen haben vielleicht schon bald das Nachsehen.

Es wird häufig bemängelt, dass die Start-up-Kultur in Deutschland unterentwickelt ist.  Es mangelt an Ideen, Gründern, Investoren und dem entsprechenden Wagniskapital. Die USA und insbesondere das Silicon Valley sind in dieser Hinsicht das Non plus ultra und ein fast unerreichbares Benchmark. Gibt es andere Länder, die Deutschland diesbezüglich als Vorbild dienen können?

Ich wage zu behaupten, dass wir in Deutschland keine großen Vorbilder in Sachen Startup-Kultur brauchen. Wir brauchen eventuell andere Ansätze als beispielsweise in den USA oder dem Silicon Valley. Lassen Sie mich Ihnen zwei SAP-Beispiele nennen:

Im Juni 2016 haben wir das weltweite Programm SAP Startup Focus gestartet, das Startups dabei unterstützt, neue Anwendungen basierend auf der In-Memory-Plattform SAP HANA für die Bereiche Big Data sowie vorausschauende Analysen und Analysen in Echtzeit zu entwickeln. Sie können ihre Ideen Risikokapitalgebern vorstellen und entsprechende Funds in Anspruch nehmen, und sie erhalten Zugang zu einem riesigen Netzwerk von Unternehmen, Partnern, Investoren und Meinungsführern.

Im Dezember 2016 haben wir in Berlin den Data Space eröffnet. Neben Mentoring bekommen die Teilnehmer in einem dreimonatigen Programm einen Arbeitsplatz und Zugang zum SAP-Ökosystem. Der Schwerpunkt liegt auf der Marktanalyse, Entwicklung von Prototypen in einem spezifischen Kundenszenario sowie der technischen Integration in SAP-Lösungen. SAP-Experten helfen außerdem, den richtigen Kunden zu finden.

Es braucht nicht immer großes Venture Capital, damit eine Startup-Szene entsteht. Große Unternehmen mit einem Netzwerk an Partnern und Kunden können Startups bei ihrem Vorhaben unterstützen, marktreife Lösungen zu entwickeln und an den Markt zu bringen.

Startups in den USA haben in einigen Bereichen allerdings durchaus Vorteile gegenüber denen in Deutschland oder Europa. Ihr Potenzial, eine starke Marktpenetration zu erzielen, ist relativ hoch; Investitionen in unterschiedliche Sprachen oder das Lokalisieren des Produktes oder Services für verschiedene Länder, beispielsweise was Regulatorik und Steuern angeht, stehen bei Startups in den USA oftmals erst später an. Hier geht ein klarer Appell an die Verantwortlichen der politischen Führung in Europa, aktiv dafür zu sorgen, dass dies der Wirtschaft in Europa bezogen auf die globale Wettbewerbsfähigkeit nicht schadet.

Muss sich Ihrer Einschätzung nach die Ausbildung an Hochschulen, Berufsschulen und in den Betrieben ändern, damit die Unternehmen das geeignete Personal für digitalisierte Prozesse haben? Oder reichen dafür bereits die intuitiven Anwenderfähigkeiten der digital natives?

Die gesamte Ausbildungslandschaft in Deutschland muss sich verändern. Das fängt mit der Grundschule an, geht weiter in der Berufsschule und Hochschule, und endet letztlich in den Unternehmen. Auf dem letzten IT-Gipfel hat Sigmar Gabriel betont, dass Industrie 4.0 langfristig nur dann erfolgreich sein werde, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht. Er verwies darauf, dass digitale Bildung zukünftig das Schlüsselthema für eine erfolgreiche Teilnahme am Erwerbsleben sein werde. Das betrifft acht Millionen Beschäftigte in der Industrie und gilt natürlich für die 260.000 Ausbildungsplätze, die die Industrie jedes Jahr schafft. Und ich bin ganz seiner Meinung, dass digitale Bildung kein Ende hat. Sie darf nicht in der Schule oder Hochschule aufhören, sondern muss das gesamte Berufsleben begleiten. Hier spielen gerade die Berufsschulen eine zentrale Rolle. Die Regierung sagte zu, eine Milliarde Euro in eine umfassende Ausstattungsinitiative für Berufsschulen investieren zu wollen. Industrie 4.0, da bin ich ganz seiner Meinung, braucht eben auch Schulen und Ausbildung 4.0.

Die Digitalisierung wird viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Werden genügend neue Tätigkeitsfelder entstehen, die die Verluste an Stellen ausgleichen?

Die ökonomische Wirkung der Digitalisierung ist sehr positiv. Ressourcen lassen sich schonen, Prozesse optimieren, Kosten sparen, neue Geschäftsmodelle und Umsatzbereiche entstehen. Es muss aber auch jedem klar sein: Was sich automatisieren lässt, wird früher oder später automatisiert. Mechanische und einfache geistige Arbeiten übernehmen in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit Maschinen, weil es ökonomisch sinnvoll ist. Das bedeutet: Viele Unternehmen werden sich umstellen müssen. Je nach Branche hat die Digitalisierung unterschiedlich starke Auswirkungen. Die Digitalisierung führt allerdings nicht zwangsläufig zu Arbeitsplatzabbau. Es entstehen neue Unternehmensformen, Geschäftsfelder und Berufsbilder, also ganz neue Beschäftigungsmöglichkeiten.

Doch wir müssen uns der Tatsache stellen, dass eine erfolgreiche digitale Transformation das Umdenken aller, also Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Politik, Wissenschaft, Ausbildung und Schule, erfordert. Und das bedeutet die Weiterbildung der Mitarbeiter und Qualifizierung von Nachwuchskräften, lebenslanges Lernen, und die Schaffung und Förderung einer gesunden Arbeits- und Unternehmenskultur. Jedes Unternehmen muss seine Belegschaft auf digitale Arbeit vorbereiten, indem beispielsweise Führungskräfte ihre Kompetenz zur aktiven Begleitung des Wandels ausbauen. Es müssen attraktive Arbeitszeitmodelle entstehen, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, und die sich vor allem an Lebensphasen anpassen lassen. Altersteilzeit ist hier nur eines der Stichworte.

Unsere Gesellschaft steht vor einer Menge Herausforderungen, was die Digitalisierung angeht. Ich denke aber, dass sie trotzdem mehr Chancen bietet und wir nicht in einen lähmenden Pessimismus verfallen sollten.

 

Zur Person

Bernd Leukert ist Mitglied des Vorstands der SAP SE mit globaler Verantwortung für die Entwicklung und Auslieferung aller Produkte des SAP-Portfolios. Dazu gehören die technologische Grundlage sämtlicher SAP-Produkte und die gesamte Entwicklung von Anwendungen für Geschäftsbereiche. Der Wirtschaftsingenieur leitet zudem strategische Innovationsinitiativen und erschließt gemeinsam mit der Entwicklungs- und der Vertriebsorganisation neue Wachstumsmöglichkeiten für SAP, unter anderem in den Bereichen Internet der Dinge, Industrie 4.0 und SAP S/4HANA. Leukert zeichnet außerdem verantwortlich für User Experience und das Design der Benutzeroberflächen von SAP-Software.

Leukert ist seit 1994 bei SAP und wurde im Mai 2014 in den Vorstand der SAP SE berufen. Neben seiner Tätigkeit für SAP ist er Mitglied der Aufsichtsräte des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie der Bertelsmann SE & Co. KGaA, des Market Strategy Board der Internationalen Elektrotechnischen Kommission und Vorsitzender des Lenkungskreises für Industrie 4.0 der Bundesregierung.

 

Quelle: brandzeichen 2017

2018-06-11
Welke Consulting Gruppe
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