Unsichere Zeiten

Unternehmensführung in der VUCA World
Dass unsere Welt immer weniger planbar wird und einschneidende Ereignisse kaum mehr vorhersehbar und gehäuft auftreten, hat selbstverständlich auch Auswirkungen auf die Wirtschaft im Allgemeinen und auf Unternehmen im Besonderen. Wie aber sollte man am besten mit dem an Dynamik gewinnenden Wandel umgehen?

2018-05-02
Welke Consulting Gruppe
  • Lea Heuchtkötter Lea Heuchtkötter Leitung Strategisches Marketing Welke Consulting Gruppe

Der britische Historiker Eric Hobsbawm bezeichnete das 20. Jahrhundert als das außergewöhnlichste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, unsere Zeit als „Zeitalter der Extreme“. Und tatsächlich fallen die bislang größten menschlichen Katastrophen in diese Zeit. Unfassbar schneller Fortschritt, insbesondere technischer, ging einher mit extremem Leid, das im Zweiten Weltkrieg seinen absoluten Höhepunkt erreichte. Danach folgten mit dem Wirtschaftswunder in Deutschland bessere, aber dennoch unsichere Jahre. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheint die Welt etwas sicherer, aber auch durchaus komplizierter geworden zu sein. Man spricht seit den 1990er Jahren von einer „VUCA World“. VUCA steht dabei für Volatility (Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit). Das sind die Rahmenbedingungen, in denen wir leben und unter denen Unternehmen organisiert und geführt werden müssen.

Die Häufigkeit außerplanmäßiger Ereignisse nimmt zu

Jeder kennt den „Black Friday“, den 25. Oktober 1929, an dem die New Yorker Börse zusammenbrach, was die Weltwirtschaftskrise zur Folge hatte. Im damaligen Deutschen Reich ging die industrielle Produktion um etwa 42 Prozent zurück, dafür stieg die Arbeitslosenquote auf zeitweise 16,3 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Der New Yorker Börsencrash war das wohl einschneidendste Ereignis auf den internationalen Aktienmärkten des letzten Jahrhunderts. Dennoch kam es immer wieder zu Börseneinbrüchen, im Schnitt alle dreißig Jahre. Heute stehen dem kleinere Crashs und ausgewachsene Finanzkrisen gegenüber, die sich alle paar Monate ereignen. Neben diesen wirtschaftlichen Bedingungen hat es die Gesellschaft mit weiteren unkontrollierbaren Bedrohungen zu tun, etwa dem zunehmenden internationalen Terrorismus, der immer neue Formen annimmt und aus heiterem Himmel dort zuschlägt, wo es am wenigsten erwartet wird. Neue Konflikte flammen auf und reißen die Jahrzehnte währende Stabilität ganzer Regionen in den Abgrund.

Die zunehmende Globalisierung schuf nicht nur Marktchancen und neue Möglichkeiten der Vernetzung, sondern erhöhte auch die Verwundbarkeit schwacher Volkswirtschaften und beförderte so die Bildung von Grauzonen, die sich jenseits der Legalität befinden. Heute gibt es wohl mehr Failed States denn je.

Der Fragile States Index, der soziale, wirtschaftliche, politische und militärische Faktoren berücksichtigt, wird angeführt von den Ländern Somalia, Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Jemen, Syrien und Tschad. Katastrophen wirken sich immer mehr auch auf Europa aus, auch
wenn sie sich weit entfernt ereignen. Die weltweiten Migrationsbewegungen, denen zum Teil mit Abschottung begegnet wird, sind nur eine dieser Auswirkungen. Der Volkswirt und Gründer der Zentralen Intelligenz Agentur, Holm Friebe, schreibt dazu im vom Frankfurter Zukunftsinstitut herausgegebenen Zukunftsreport 2017: „Weil unsere Welt seit dem Aufbruch in die Moderne immer vernetzter und stärker rückgekoppelt geworden ist, erhöht sich stetig die Häufigkeit von und die Anfälligkeit für Resonanzkatastrophen.“

Konfliktpotenzial wächst

In Deutschland, so heißt es, ist der Ton innerhalb der Gesellschaft insgesamt rauer geworden. Ob das tatsächlich der Fall ist, ist schwer zu sagen. In jedem Fall ist diese Rauheit durch die weit fortgeschrittene Vernetzung in sozialen Medien weitaus sichtbarer als dies früher der Fall war. Die Menschen machen sich Luft, äußern öffentlich ihre Meinung, leider oft auch in einer zunehmend verrohten Art und Weise, und fühlen sich durch die Reaktionen innerhalb ihrer Filterblase in ihrer Denkweise bestätigt. Ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins ist entstanden. Als normaler
Bürger könne man nichts ändern, da alles „von oben herab“ über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden werde. Das geht so weit, dass sich Menschen gar nicht mehr als eines bundesrepublikanischen Staates angehörig empfinden und dies auch lautstark kommunizieren. Die Rede ist von der sogenannten Reichsbürgerbewegung.

Aber auch abseits dieses Extremfalls fühlen sich Teile der Gesellschaft unverstanden und nicht von den etablierten politischen Parteien repräsentiert. Anders ist es kaum zu erklären, dass Deutschland und große Teile Europas politisch nach rechts rücken. Ebenfalls Konfliktpotenzial birgt die zunehmende Diskrepanz zwischen Arm und Reich – nicht nur in Deutschland, sondern auch auf internationaler Ebene. Trotz guter Konjunktur geht die soziale Schere hier in den letzten Jahren weiter auseinander. Gegenüber dem Magazin Der Stern gab Sozialexpertin Dorothee Spannagel zu bedenken: „Die Einkommensungleichheit hat seit den 90er Jahren zugenommen, vor allem zwischen 1999 und 2005. Damals hat sie in Deutschland europaweit so stark zugenommen wie in sonst keinem anderen Land.“ Dazu kommen, um das Szenario der Unsicherheit komplett zu machen, zukünftige globale Faktoren wie Wasser- und Nahrungsknappheit und schwindende Rohstoffe.

Unternehmen müssen zu Ankern der Sicherheit werden

Auf die Frage, wie Unternehmen den Anforderungen unserer Zeit und der Zukunft in all ihrer Komplexität, Unsicherheit, Unbeständigkeit und Ambiguität begegnen sollten, lässt sich nicht mit einer Standardvorgehensweise antworten. In jedem Fall kann das Sammeln von Zahlen, Daten und Fakten keine Vorhersagbarkeit mehr liefern. Das Zurückgreifen auf bereits bekannte Handlungsmuster, die sich schließlich auch in der Vergangenheit bewährt haben, führt nicht mehr zum gewünschten Erfolg. Dazu ist der Wandel, den wir erleben, zu dynamisch und stellenweise zu fundamental. Tools der Unternehmensführung werden sich ändern müssen. Unternehmen werden sich noch stärker positionieren und sich genau in die entgegengesetzte Richtung der VUCA-Faktoren bewegen müssen. Das heißt, alle Maßnahmen, die Sicherheit, Einfachheit, Beständigkeit und Eindeutigkeit fördern, gehen in die richtige Richtung. Das setzt jedoch voraus, dass sich nicht nur Strukturen ändern, sondern zu allererst auch Denkweisen. Eine grundsätzliche Offenheit für kreative Lösungen, die nicht in bekannte Schemata passen, steht hier an erster Stelle. „Das haben wir schon immer so gemacht!“ müssen Unternehmensführer aus ihrem Wortschatz streichen. Das heißt nicht, dass Unternehmen ihre Werte aufgeben und sich in Gänze dem Wandel anpassen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Unternehmen in einer immer weniger planbaren Welt akzeptieren die Unschärfe der Realität. Sie stellen dieser aber ihre eigene werteorientierte Klarheit entgegen, um von innen heraus für Stabilität zu sorgen und verlässliche Partner sein zu können.

Dazu müssen sie sich jedoch ihrer Werte bewusst werden und danach handeln. Das geht natürlich über die Entwicklung eines Leitbildes hinaus. Werte sind nur dann wirkungsvoll, wenn sie wirklich die eigenen sind und nicht dem Unternehmen und den Mitarbeitern übergestülpt wurden. Zweitensmüssen Werte bereits in der Führung verankert sein und im Management vorgelebt werden, damit sie die gesamte Belegschaft zum Handeln nach denselben Maßstäben animieren. Nur gelebte, authentische Werte sind glaubwürdig und beeinflussen sowohl das unternehmerische Handeln als auch die Art, wie das Unternehmen wahrgenommen wird. Ein Unternehmen, das eine Haltung verkörpert, stellt einen Orientierung gebenden Anker dar für Kunden, Lieferanten und (potenzielle) Mitarbeiter. Daneben bedingt auch das Wie des Handelns die Zukunft von Unternehmen. Statt eines fixen Planes, der unumstößlich als der eine, richtige Weg verstanden, kommuniziert und umgesetzt wird, sind viele kleine Schritte erfolgversprechender, die Raum lassen für Flexibilität und für notwendige Anpassungen, die sich aus dem Feedback der Umwelt ergeben. So sollten Fehler lieber zur Optimierung des eigenen Kurses genutzt werden statt zu versuchen, sie zu vermeiden. Letztendlich wird keine Organisation, in der Menschen tätig sind, je ohne Fehler auskommen. Zunehmend von Bedeutung werden auch die Beziehungspflege und die Vernetzung von wirtschaftlichen Organisationen sein, denn stabile Netzwerke bieten auch in unbeständigen Zeiten einen sicheren Halt. Auch wenn nichts sicher ist, ist eines sicher: Nicht nur die Zeiten ändern sich, auch wir ändern uns in ihnen.

Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

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