Alte Industrie ganz neu gedacht

Die Baubranche und die Digitalisierung passen nicht zusammen? Bei Putzmeister schon. Der Weltmarktführer für Betonpumpen geht die digitale Transformation seiner Geschäftsmodelle aktiv an.

Manche Wirtschaftszweige werden als unspektakulär und wenig sexy angesehen. Der Agrarsektor gehört dazu, die Stahlbranche und ganz sicher auch die Baubranche. Sie gelten allgemeinhin als bodenständig, traditionell, altbacken. Selten werden sie in einem Atemzug mit dem Megatrend Digitalisierung genannt. Andererseits heißt es, die Digitalisierung mache vor keiner Branche halt, bedrohe jedes Geschäftsmodell. Warum also sollten klassische Wirtschaftszweige davon verschont bleiben?

Bleiben sie nicht – jedenfalls nicht, wenn man Gerald Karch Glauben schenkt: „Für uns war stets klar, dass der digitale Wandel auch vor unserem eher traditionellen Industriezweig nicht Halt machen wird“, erklärt der CEO von Putzmeister, Weltmarktführer für Betonpumpen mit Hauptsitz in Aichtal bei Stuttgart. Karch hat daher für seine Unternehmensgruppe die Devise ausgegeben, die digitale Transformation proaktiv anzugehen. „Unser Ziel ist es, die Zukunft unserer Branche mit innovativen Geschäftsideen aktiv zu gestalten.“

 

Das Unternehmen

Die Putzmeister Gruppe ist ein seit 1958 aus eigener Kraft gewachsener Spezialmaschinenbauer.  Mit weltweit sechs produzierenden Töchterwerken sowie Gesellschaften und Vertretungen in mehr als 120 Ländern ist Putzmeister global aufgestellt. Rund 3100 Mitarbeiter erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von 755 Millionen EUR.  Putzmeister betreibt nach wie vor sein Ursprungsgeschäft: Die Herstellung von Mörtel- und Estrichmaschinen für Kleinbaustellen. Heutzutage konzentriert sich die Gruppe allerdings auf die Entwicklung, Produktion und den Verkauf von Betonpumpen im Premiumsegment für die Bauindustrie. Weitere Marktfelder sind der Berg- und Tunnelbau, industrielle Großprojekte, Kraft- und Klärwerke sowie Müllverbrennungsanlagen. Seit 2012 ist Putzmeister auch im Bereich der Betonfahrmischer und Betonmischanlagen tätig.

Ebenfalls 2012 machte das Unternehmen Schlagzeilen, weil es als globaler Technologieführer und Archetyp des erfolgreichen deutschen Mittelständlers vom größten Baumaschinenhersteller der Welt, der chinesischen Sany Heavy Industry, Co. Ltd., übernommen wurde. Der Deal gilt seither als Positivbeispiel für chinesisches Engagement in Deutschland, nicht zuletzt, weil die Mutter aus Fernost der deutschen Tochter wenig ins operative Geschäft hineinredet. Sany konzentriert sich auf seinen – riesigen – Heimatmarkt China und überlässt den Weltmarkt seiner deutschen Tochter. Das deutsche Management kann weiter sehr eigenständig entscheiden – auch beim Thema Digitalisierung. „Wir stimmen uns natürlich von Fall zu Fall ab“, sagt Karch. „Aber hier sind wir das Start-up, das sich außerhalb der Konzernstruktur bewegen soll.“

 

Die Innovation Factory

Digitalisierung bei Putzmeister bedeutet nicht – wie bei vielen anderen Unternehmen – Optimierung der Prozesse durch den Einsatz von immer mehr digitaler Technologie. Nein, Ziel der Digitalisierung bei Putzmeister ist tatsächlich die Substitution bestehender Geschäftsmodelle durch neue, digitale Modelle. Das, wovor Unternehmen rund um den Globus Angst haben – nämlich, dass ein agiles Start-up ihre Produkte oder Dienstleistungen mit einem innovativen Geschäftsmodell überflüssig macht – betreibt man bei Putzmeister seit Oktober 2015 ganz gezielt selbst. „Wir machen es lieber selbst, als dass es irgendwann andere tun“, sagt Gerald Karch.

Dafür hat das Unternehmen gemeinsam mit einem externen Partner die „Innovation Factory“ gegründet, eine Denkfabrik, in der solche Ideen sprießen sollen. Denkverbote gibt es nicht, betont Karch. „Es geht darum, etablierte Unternehmensprozesse auch mal beiseite zu lassen und eine andere Dynamik an den Tag zu legen.“ Die neue Digitaleinheit identifiziert Innovationen für die verschiedenen Geschäftsbereiche von Putzmeister, testet und validiert sie. Inzwischen haben die ersten Geschäftsideen Marktreife erreicht.

 

Mieten statt kaufen

Zum Beispiel PUMPNOW. Dabei handelt es sich um eine Online-Plattform für die flexible Vermietung von Estrichpumpen. Die Idee dahinter ist so einfach wie bestechend – und orientiert sich an den Grundsätzen der Shareconomy: Warum einen Estrichförderer kaufen, wenn man ihn auch mieten kann? Bisher hat Putzmeister in diesem Segment die Maschinen ganz klassisch entwickelt, produziert und verkauft. Bei PUMPNOW wird nun der letzte Schritt durch Vermietung ersetzt. Auf die Idee war die Innovation Factory gekommen, weil Kundeninterviews gezeigt hatten, dass viele kleine Handwerksbetriebe die Anschaffungs- und Betriebskosten einer eigenen Estrichmaschine scheuen. Weitere Hürden sind die langfristige Planung, wann welche Maschine wo gebraucht wird, und der Transport.

Über PUMPNOW können die Handwerker die gewünschte Estrichmaschine für den benötigten Zeitraum mieten, inklusive Zubehör. Vertriebspartner, mit denen Putzmeister ohnehin schon zusammenarbeitet, übernehmen den Transport zur Baustelle, die Reinigung und Wartung. Die Kosten hierfür sowie die Versicherung sind bereits im Mietpreis enthalten und entsprechend kalkulierbar. Der Handwerker zahlt letztlich nur für den Zeitraum, in dem die Maschine tatsächlich im Einsatz ist und in dem auch er für seine Dienstleistungen vom Bauherrn bezahlt wird.

Seit September 2016 wurde das Modell in zwei Bundesländern getestet. Aufgrund der vielversprechenden Resonanz erfolgt nun der deutschlandweite Ausbau. Auch dieses Vorgehen – im Kleinen testen, Feedback einholen und dann erneut im größeren Rahmen testen – entspricht dem Vorgehen heutiger Startups. Rund zehn Prozent seiner Umsätze macht der Mittelständler mit diesen Spezialmaschinen. Dass Putzmeister einmal weniger Maschinen verkaufen als vermieten könnte, schreckt die Unternehmensleitung nicht.

 

Fokus auf dem Kundennutzen

PUMPNOW ist erst der Anfang der Digitalisierung bei Putzmeister. Sage und schreibe 60 konkrete Ideen für neue Geschäftsmöglichkeiten hat die Innovation Factory identifiziert. Im Zentrum stehen dabei immer der Kunde und dessen Bedürfnisse. „Wir haben extra keine Marktanalyse gemacht, sondern sind direkt auf die Kunden zugegangen und haben gefragt: Was ist dein Problem?“, sagt Karch. Die Befragung brachte Erstaunliches zutage: Einige Kunden ärgern sich über bestimmte Funktionen der Maschinen, für viele sind aber ganz andere, übergeordnete Themen wichtiger: etwa die abnehmende Qualifikation ihrer Mitarbeiter oder, dass sie sich nicht mehr um Technik und Service kümmern wollen. „Die Idee zu PUMPNOW hat sich aus solchen Befragungen ergeben“, sagt Karch. „Und wir haben uns gefragt, was es für Geschäftsmodelle gibt, die den Kunden das Geschäft erleichtern, die aber erst durch die Digitalisierung möglich sind.“

Derzeit befinden sich Projekte in den Bereichen Machine-to-Machine-Communication und Building Information Modeling (BIM) in der Entwicklung. „In Zukunft wird es möglich sein, eine Baustelle und die Betonageprozesse bis hin zum fertigen Gebäude schon vorab exakt zu planen und zu visualisieren. Vernetzte und in die Baustellenprozesse integrierte Baumaschinen nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein“, erklärt Dirk Jahn, Geschäftsführer der Putzmeister Entwicklungsgesellschaft. „Wir stellen hierfür schon jetzt die Weichen und positionieren uns als Anbieter von digitalen Lösungen in der Baubranche.“

 

Quelle: brandzeichen 2017

2018-04-05
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